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Nürnberger Nachrichten vom 06.10.2006
Zwei Brüder aus Fürth gewähren Einblick in ihre fränkischen Wurzeln
Bewegende Rückblenden: Evi Kurz erzählt in ihrem TV-Film "Die Kissinger-Saga" die Familiengeschichte von Henry und Walter Kissinger und ihren Eltern
Von Alexander Jungkunz
 
1938 flohen sie als Juden vor den Nationalsozialisten in die USA und machten dort Karriere. Nun sprachen sie erstmals über ihre Kindheit in Fürth und über ihre Familiengeschichte: Die fränkischen Wurzeln prägen die Brüder Henry und Walter Kissinger nach wie vor stark —wie ein bewegender Fernsehfilm nun zeigt.
 
FÜRTH — "Das sind Fragen, die ich hier in Amerika nicht beantworte", sagt Henry Kissinger gleich zum Auftakt der Dokumentation. "Ich gebe niemals Interviews über mein Privatleben", schrieb der frühere US-Außenminister schon 2003, als sich die Fürther Journalistin und TV-Moderatorin Evi Kurz erstmals an ihn wandte. Ihr Ziel: ein privater, durchaus gefühlsbetonter Blick zurück auf die Jugend der Kissingers. Auf den 1923 in Fürth geborenen Heinz Alfred, aus dem in den USA Henry wurde. Und auf seinen in der Öffentlichkeit nahezu unbekannten, aber in seinem Metier als Unternehmer ähnlich erfolgreichen ein Jahr jüngeren Bruder Walter. Nach mehreren, nicht eben einfachen Anläufen hatte die Fürtherin doch noch Glück: Die Kissingers empfingen sie zu ausgedehnten Gesprächen genau über die Themen, die sie bisher nie vor laufenden Kameras erwähnt hatten — ihre Wurzeln in Franken, die ihre Familiengeschichte tief prägen.
 
Leidenschaftlicher Lehrer
 
1922 heiratete die in Leutershausen bei Ansbach geborene Paula Stern den seit 1909 in Fürth lebenden, aus Ermershausen stammenden Louis Kissinger, einen leidenschaftlichen und am Mädchen-Lyzeum äußerst beliebten Lehrer mit dem Spitznamen "Kissus". Die beiden Buben der Familie wuchsen in der Marienstraße auf und besuchten in den Ferien die Großeltern in Leutershausen. "Sie verwöhnten uns schrecklich", erinnert sich Henry, der von dort mit seinem Bruder gelegentlich nach Fürth radelte. "Unbegreiflich", so berichtet Walter, sei für die Jungen dann der Aufstieg der Nationalsozialisten gewesen, den sie hautnah erlebten. Der Film zeigt Szenen von Aufmärschen und die antisemitischen Schilder der Nazis: "Zutritt für Juden verboten." Henry erinnert sich, "hin und wieder von Hitlerjungen verprügelt worden" zu sein. Walter fand die stramme Jugendorganisation attraktiv und "verstand nicht, warum ich nicht mitmachen durfte". Für die Eltern war der Bruch dramatischer — er zerstörte ihre Existenz in Fürth. 1933 wurden alle jüdischen Lehrer "beurlaubt", wie das in der Diktion der Nazis beschönigend hieß. Für Louis Kissinger, der an seinem Beruf hing, "brach eine ganze Welt zusammen", berichtet Walter. Und bei Evi Kurz’ Frage, wie denn die Eltern versuchten, ihren Söhnen das Geschehen zu erklären — bei dieser Frage schweigt Walter Kissinger lange, sehr lange. "Could we stop the film?", fragt er dann — "können wir den Film anhalten?"
 
Es sind solche Momente, die mehr als manche Zitate zeigen, wie nahe den beiden Kissingers der Blick zurück geht, wie sehr sie trotz allem, was damals geschah, verbunden sind mit jener Heimat, die sie im Sommer 1938 verließen. Paula Kissinger organisierte die Auswanderung in die USA, mit dem Schiff über London nach New York. Gerade noch rechtzeitig: Elf Verwandte der Kissingers wurden in Konzentrationslagern getötet. Der Neustart in New York, in einem Viertel voller jüdischer Emigranten aus Deutschland, war mühsam. "Wir waren furchtbar einsam und sehr unglücklich", heißt es in knappen Erinnerungen, die Paula Kissinger vor ihrem Tod 1998 für den Rundfunk auf Tonband sprach. "Ich bin der einsamste Mensch in dieser großen Stadt", sagte ihr Mann (er starb 1982) kurz nach der Ankunft in den USA. Und Walter Kissinger ist sich "ziemlich sicher, dass mein Vater Deutschland niemals verlassen hätte".
 
Die Söhne wurden 1943 eingezogen von der US-Armee. Walter war in Japan und Korea im Einsatz, Henry in Europa und in Deutschland, wo er für die Spionage-Abwehr arbeitete. Nach dem Krieg begannen sie ihre Karrieren — Henry in Harvard, Walter in Princeton. Den rasanten Aufstieg Henrys zum Sicherheitsberater und dann zum Außenminister Richard Nixons lassen im Film-Porträt prominente Zeitzeugen Revue passieren: Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher würdigen das weltpolitische Engagement des späteren Friedensnobelpreisträgers, dessen teils äußerst robuste Realpolitik alles andere als unumstritten ist. "Oft muss Henry Kissinger zu Methoden greifen, die in keinem Lehrbuch zu finden sind", heißt es dazu im Film.
 
Doch es geht dem einfühlsamen Porträt einer bemerkenswerten Familie weit weniger ums Politische als ums Private. Um den ersten Besuch in Fürth im Jahr 1975 zum Beispiel, als Henry die Goldene Bürgermedaille erhielt. "Mein Vater hielt eine viel bessere Rede als ich", erinnert er sich. Und der Film zeigt den in feiner Handschrift notierten, bewegenden Beitrag des alten Lehrers Louis Kissinger, der voller gemischter Emotionen in seine Fürther Heimat zurückgekehrt war.
 
"Sentimentale Reise"
 
1998 erhielt Henry die Ehrenbürgerwürde. Im vergangenen Jahr besuchte er zusammen mit seinem Bruder, der als erfolgreicher Manager nach wie vor aktiv ist und auch die Familienstiftung verwaltet, seine Geburtsstadt auf einer "sentimentalen Reise". Und der Film belegt augenfällig, was Evi Kurz bei ihren Dreh- und Interview-Arbeiten beobachtet hat: "Je älter die Brüder werden, umso näher ist ihnen ihre Kindheit."
 
Da ist es nur logisch, dass Henry Kissinger nächstes Jahr, wenn Fürth mit vielen Veranstaltungen die Tausend- Jahr-Feier seiner ersten urkundlichen Erwähnung 1007 zelebriert, auch dabei sein will. Über die Ergebnisse der Spielvereinigung Greuther Fürth lässt er sich nach wie vor informieren — schließlich war er schon als Fürther Schulbub ein "wilder Fußballer, ein Fanatiker", wie er sich erinnert.
 
"Die Kissinger-Saga" von Evi Kurz ist in ihrer 45-minütigen Kurzfassung am Mittwoch, 18. Oktober, um 23.15 Uhr — spät, wie inzwischen nahezu alle interessanten Sendungen — in der ARD zu sehen. Das Bayerische Fernsehen zeigt am 9. und 10. Januar 2007 (jeweils um 21.45 Uhr) in zwei Teilen die 90-minütige Version. Sehenswert — nicht nur für Fürther.
 
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