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Die Zeit vom 12.10.2006
Zwei Brüder aus Fürth
Henry und Walter Kissinger: Die ARD erzählt die Geschichte einer deutschen Familie
Von Matthias Nass
 
Juni 2004. Es ist der Abend vor dem 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. In einem noblen Hotel am italienischen Ufer des Lago Maggiore erzählt Henry Kissinger mir, er werde am übernächsten Tag in seine Heimatstadt Fürth fahren. Er will noch einmal das Grab seines Großvaters besuchen: "Ich bin jetzt 81 Jahre alt, wer weiß, ob ich es noch einmal sehen werde." Und er will ins alte Fürther Fußballstadion gehen, wo er als Junge so viele Spiele begeistert verfolgt hat. "Es ist immer noch das gleiche Stadion wie damals, aber umgebaut."
 
Wer in den vergangenen Jahren mit Henry Kissinger über Deutschland sprach, der spürte, dass ihm mit dem Alter das Land seiner Kindheit immer näher rückt. Nur deshalb konnte wohl auch die bayerische Journalistin Evi Kurz ihr lange geplantes Filmprojekt über Kissinger und seinen ein Jahr jüngeren Bruder Walter verwirklichen. Henry und Walter - Zwei Brüder aus Fürth heißt der Beitrag, der am 18. Oktober um 23.15 Uhr in der ARD läuft. Zum ersten Mal sprechen die beiden Brüder vor der Kamera über ihre Kindheit, ihre Eltern, die Flucht vor den Nazis und den Neubeginn in Amerika.
 
"Zu meinem Privatleben gebe ich nie Interviews", hatte er auf eine erste Anfrage geantwortet. Aber als die Filmautorin, Fürtherin wie Kissinger, hartnäckig blieb, willigte er schließlich ein. Und auch sein Bruder Walter konnte für das Projekt gewonnen werden. Entstanden ist das liebevolle Porträt der Familie des Oberlehrers Louis Kissinger, der am Fürther Mädchenlyzeum Geschichte und Geografie unterrichtete, und seiner Frau Paula, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus dem fränkischen Städtchen Leutershausen.
 
Ob seine Elter in Fürth glücklich gewesen seien, wird Henry Kissinger im Film gefragt. "Ja, sehr", antwortet er. Bis die Nazis an die Macht kamen und seinen Vater 1934 aus dem Schuldienst jagten. Wie die Eltern und die Großeltern es den Jungen erklärt hätten, dass sie plötzlich nicht mehr mit den anderen im Leutershausener Flussbad schwimmen durften? Walter schweigt lange. "Können wir den Film anhalten", bittet er dann mit leiser Stimme.
 
Es war die Mutter, Paula, die ihren Mann überredete, im April 1938 die Ausreise aus Deutschland zu beantragen. Drei Monate später bringt die Île de France die Familie ins amerikanische Exil. In den Washington Heights von New York versucht sie den Neuanfang. Mein Mann, sat Paula später, war in New York "der einsamste Mann der Welt". Immerhin sie sind gerettet. Elf Familienmitglieder der Kissingers werden von den Nazis ermordet.
 
Walter ist 19 Jahre alt, Henry 20, als sie zur U.S. Army eingezogen werden. Walter verschlägt es nach Asien, Henry kommt nach Europa, kämpft in den Ardennen, kehrt bei Kriegsende als Angehöriger der Spionageabwehr nach Deutschland zurück.
 
Dann die atemberaubende Karriere. Studium in Harvard, 1959 Professur, 1969 Nationaler Sicherheitsberater Richard Nixons. Am 23. September 1973 wird er als amerikanischer Außenminister vereidigt; seine Mutter Paula hält die Bibel, auf die er seinen AMtseid schwört. Walter, "der andere Kissinger", bringt es als Geschäftsmann zu Wohlstand und Ansehen, wird Vorstandschef der Allen Group. Nach Kriegsdienst und Studium hatte es ihn in den Diplomatischen Dienst gezogen. Aber die vergiftete politische Atmosphäre im Washington der Mc-Carthy-Ära stieß ihn ab. "So wurde der Welt erspart, dass es zwei Diplomaten Kissinger gab", spottet Walter.
 
Am 15. Dezember 1975 kehren Henry und Walter zum ersten Mal gemeinsam mit den Eltern nach Fürth zurück. Die Stadt, aus der die Nazis die Familie vertrieben haben, verleiht Henry Kissinger die Goldene Bürgermedaille. In einer sorgfältig ausgearbeiteten, handschriftlich verfassten Rede blickt der Vater zurück. "Ich habe Henry nie so bewegt gesehen", erzählt der frühere Staatssekretär Berndt von Staden, der Zeuge der Szene wird.
 
Im Jahr 1998 erhält Henry Kissinger die Ehrenbürgerwürde der Stadt Fürth; die Festrede hält Helmut Schmidt: "Deutschland hat diesem Mann zu verdanken, dass viele politisch führende Menschen in anderen Staaten die Ehrlichkeit des Bemühens der Deutschen nach 1945 begriffen haben."
 
Die Kissinger-Saga ist eine sentimental journey, eine Reise zurück in die Vergangenheit einer jüdischen Familie aus Deutschland, die dem großen Morden entrinnen konnte, deren beide Söhne es in Amerika zu Ruhm und Ansehen brachten. Der Film zeigt die Bilder des Familienalbums der Kissingers, die Laientheatergruppe der Eltern, die braunen Aufmärsche in Fürth und im benachbarten Nürnberg, die rettenden Pässe ("Gebühr 2,- Mark bezahlt"). Der Film zieht keine kritische Bilanz der Außenpolitik Henry Kissingers, er fragt nicht nach Vietnam, Kambodscha oder Chile. Er blickt zurück in ein Land, in dem zwei Brüder mit ihren Eltern glücklich waren, bis es dort keinen Platz mehr für sie gab.
 
Vielleicht ist es die Wehmut des Alters. Henry Kissinger, das wird jeder bezeugen, der ihn kennt, hängt auf eine geradezu rührende Weise an seiner Heimat. An jenem Abend im Juni 2004, als wir am Lago Maggiore zusammensaßen, hing er lange seinen Gedanken an Deutschland nach: "Ich trage keine Bitterkeit in mir."
 
Die Kissinger-Saga.
Henry und Walter - Zwei Brüder aus Fürth
Mittwoch, 18. Oktober, 23,15 Uhr, ARD

 
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