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Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18.10.2006
Des Vaters Handschrift ist Symbol
Vielsagend: "Die Kissinger-Saga - Henry und Walter, zwei Brüder aus Fürth"
Von Jochen Hieber
 
Das Kissinger-Doppelporträt von Evi Kurz hat drei Schlüsselszenen. Sie prägen die grundständig elegische Atmosphäre des Films und die mit Bedacht behutsame Haltung der Filmemacherin ihren Gesprächspartnern gegenüber.
 
Die erste Szene spielt in den Bergen Colorados, wo der 1924 geborene Walter Kissinger, ein höchst erfolgreicher und auch mit 82 Jahren nicht an Ruhestand denkender Wirtschafts- und Finanzmanager, eine Ranch besitzt. Hier, in dreitausend Metern Höhe, reitet er bis heute ferientäglich stundenlang aus - glückhafte Spätfolge, der, wie er freudig bekennt, frühen Karl-May-Lektüre im fränkischen Fürth. Nun aber sitzt er auf der Veranda des Wohnhauses und erzählt, daß sein Bruder Henry und er noch zu jung gewesen seien, um die ab 1933 rasch einsetzenden judenfeindlichen Diskriminierungen wirklich an sich heranzulassen. Die Eltern und die Großeltern aber, hakt Evi Kurz nach, hätten doch bestimmt darunter gelitten und im Familienkreis wohl auch darüber gesprochen. Walter Kissinger denkt lange nach - man meint, die schlimmen Augenblicke, an die er sich jetzt erinnert, im Geiste fast vor sich zu sehen -, um dann, nach einer endlosen halben Minute Schweigen, zu sagen: "Können wir den Film anhalten?" Was sogleich geschieht.
 
Die zweite Szene spielt im New Yorker Stadtteil Washington Heights. Lange hat Walter Kissinger gezögert, noch einmal an jenen Ort zurückzukehren, an dem sich seine Eltern nach der Emigration aus Deutschland im Jahre 1938 leidlich eingerichtet hatten. Evi Kurz hat ihn schließlich doch dazu überreden können. Mit ihr betritt er jetzt also den Park, in dem sein Vater Louis, bis 1933 ein leidenschaftlicher deutscher Gymnasiallehrer, und seine Mutter Paula vor fast sieben Jahrzehnten emigrantentäglich ihre Einsamkeit und ihre Entwurzelung spazierenführten. Kleine Gedenktafeln auf zwei Parkbänken erinnern an die Eltern. Auf der einen findet sich eine Gedichtzeile des amerikanischen Dichters Thomas Bailey Aldrich: "What is lovely never dies, / but passes into other loveliness" - "Was schön ist, stirbt nie, / sondern wandelt sich in eine andere Schönheit." Auf der anderen, der einstigen Lieblingsbank des Vaters ist, ins Englische übersetzt, fast naturgemäß eine Goethe-Zeile aus den Gesprächen mit Eckermann verewigt: "Alles Edle ist an sich stiller Natur."
 
Die dritte Schlüsselszene dieser Dokumentation steuert Henry Kissinger bei. Sie spielt im Jahr 1975. Der weiland noch amtierende Außenminister der Vereinigten Staaten erhält in und von seiner Heimatstadt die Goldene Bürgermedaille. Die greisen Eltern sind ebenso mit nach Fürth gereist wie der ein Jahr jüngere Bruder Walter. "Mein Vater", erinnert sich Henry Kissinger jetzt, "hielt eine viel bessere Rede als ich, ich mußte bürokratischer sein." Während er dies erzählt, blendet Evi Kurz mehrfach das Originalmanuskript jener Ansprache ein, die Vater Louis, immerhin schon 88 Jahre alt, damals auf den weltberühmten Sohn hielt: gestochen klare deutsche Sätze in lateinischen Buchstaben, für die der einstige Gymnasiallehrer vor seiner Vertreibung sicherlich eine Eins in Schönschreiben gegeben hätte.
 
Die Handschrift des Vaters ist das eindrücklichste Bild des Films. Denn es faßt das Schicksal dieser einen Familie in ein Realsymbol für die deutsch-jüdische Emigration. Gerade weil die eigene Geschichte bei aller Einzigartigkeit eben auch repräsentativ ist, bedienen sich die Kissinger-Brüder in ihren Antworten auf die Fragen von Frau Kurz der äußersten Lakonie. Und sie üben sich in durchaus vielsagender Diskretion. Henry Kissinger erklärt gleich zu Beginn, daß er sämtliche Aussagen zur Familiengeschichte an den Bruder delegiert habe. Und Walter Kissinger versichert postwendend, daß er keineswegs über Henrys Privatleben plaudern werde. Beide halten sich alles in allem dann auch 45 Minuten lang an ihr Programm.
 
Gleichwohl hat man am Ende des Films nicht den Eindruck, einer Dramaturgie des Verschweigens und Versteckens gefolgt zu sein. Was nicht zuletzt ein Kompliment an die Autorin Evi Kurz ist: Ihre Bereitschaft, das Diskretionsspiel der Kissingers mitzuspielen, hat die Brüder schließlich gesprächiger gemacht, als sie geplant hatten. Was der amerikanische Politiker Henry K. für unser Land geleistet hat, muß Altkanzler Helmutz Schmidt dann nur noch kurz zusammenfassen: Er habe, wie neben ihm nur noch wenige, die Welt "von der Ehrlichkeit des deutschen Bemühens" nach dem Zweiten Weltkrieg überzeugt.
 
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