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Münchner Merkur vom 18.10.2006
Zwei Brüder aus Fürth
Die Kissingers in der ARD
Von Werner Kurzlechner
 
Plötzlich stockt der ältere Herr, kämpft mit den Tränen. "KÖnnten wir den Film anhalten", bittet Walter Kissinger. Journalistin Evi Kurz tut ihm den Gefallen. Zuvor hatte ihr Kissinger berichtet, wie sehr er als Kind das Schwimmen in der Altmühl genoss. Und wie er eines Tages nicht mehr zu den anderen Kindern ins Wasser hopsen durfte, weil er ein jüdischer Junge war. Als Kurz wissen will, wie seine Eltern ihm das damals erklärten, übermannen Walter Kissinger die Gefühle.
 
Walter ist der jüngere Bruder des berühmten Henry, Ex-Außenminister der USA und heute 83 Jahre alt. Kurz erzählt vom Leben ihrer Familie: "Die Kissinger-Saga". Hartnäckig musste die Fernsehfrau baggern, um den Kissingers nahe zu kommen. Henry spricht nicht öffentlich über sein Privatleben. Mit Anrufen und Briefen knackte Kurz erst Walter: "Er nahm mich gründlich unter die Lupe." Schließlich machte auch Henry eine Ausnahme. Wohl auch, weil Kurz aus derselben Stadt stammt wie die Brüder, aus Fürth.
 
Kurz gewann also Nähe zu ihren Helden. Deshalb erwartet die Zuschauer auch kein Werk, das durch kritische Distanz besticht. Immerhin ist Henry Kissinger einer der umstrittensten Politiker der vergangenen Jahrzehnte. Das interesiierte die Filmerin nicht sonderlich: "Die politische Figur ist millionenfach erzählt." Ihr sei es um die persönliche Geschichte gegangen. Diese ist berührend genug. Sie für die ARD-Version von 90 auf 45 Minuten raffen zu müssen, habe ihr "in der Seele wehgetan", klagt Kurz.
 
Die kurze Fassung bleibt sehenswert, gegen Ende jedoch zu oberflächlich. Henrys Erfolge drängen sich in den Vordergrund, sein Bruder steht allzu holzschnittartig am Rande: als pferdezüchtender Erfolgsmanager. Ein bisschen mehr hätte man gern gewusst; in der längeren Version erfahren es die Zuschauer. Vor allem aber die Handlung des ersten Teils ist derart fesselnd, dass sie 45 Minuten Erzählzeit locker verträgt.
 
Vater Louis Kissinger unterrichtete an einer Fürther Mädchenschule. Die Buben erinnern sich an eine glückliche Kindheit in einem geselligen Elternhaus mit viel Fußball, bildungsbürgerlicher Lektüre und Klavierstunden. Als der Naziterror begann, verloren die Buben rasch ihre "arischen" Freunde. Walter bekennt, er habe nicht verstanden, warum er bei der Hitlerjugend nicht mitmachen durfte.
 
Mutter Paula verdanken sie, den Schrecken überlebt zu haben. Sie drängte 1938 zur Überfahrt nach New York. Louis Kissinger fühlte sich dort "als einsamster Mensch in dieser großen Stadt"; seine Söhne jedoch fanden eine neue Heimat, in der sie Karriere machten. Walter führte Kurz auch zu Bänken, die Henry und er für Mutter und Vater in ihrem Viertel aufstellten. "Was herrlich ist, stirbt nie, sondern geht in eine andere Form der Herrlichkeit über", steht auf einer. Eine von vielen bewegenden Szenen in diesem Film.
 
ARD 18.10.2006, 23.15 Uhr; BR 9. und 10. Januar 2007, jeweils 21.45 Uhr
 
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